Nur
wo?
Es
gab in der Schweiz niemanden, ausser klassische Gitarrenbauer und
das war in Zeiten des Rock’n’Rolls natürlich Pipifax
und Literatur gabs auch noch keine…ausser Jahnels Buch, das
aber eher als Lexikon der spezifischen Gewichte taugte.
Meine Eltern bestanden auf eine richtige Ausbildung – recht
so – und das einzige in meiner Gegend war Klavierbau. Also
habe ich 4 Jahre Klavierbauer und -stimmer gelernt. Was aber im
Nachhinein gar nicht so schlecht war. Viel gelernt. Und das Tollste
war, dass in dem Musikhaus auch eine Gitarrenabteilung war, die
auch immer wieder mal eine Gitarre repariert haben musste…
da war ich natürlich zur Stelle!
Nach Abschluss der Ausbildung, mein Ziel als Gitarrenbauer nie aus
den Augen verloren (was sehr schwierig war mit konstant roten und
angeschwollenen Augen ;-), heuerte ich beim einzigen Gitarrenreparateur
in der Gegend an. So begann ich für fast alle Musikhäuser
in der Schweiz zu reparieren und restaurieren. Von Zithern über
Lauten, klassische Gitarren, Cembali, Drehleiern, Kontrabässe,
el. Gitarren…einfach alles was Saiten hatte. Und dann noch
für die Importeure von Gibson und Fender…richtig, richtig
viel Arbeit…und das mit einem Chef der lieber in der Bodega
vis à vis ein Glas Wein trank…oder 2.
Das war wie schwimmen in kaltem Wasser…als Nichtschwimmer.
Und um das Cliché vollständig zu bedienen: die Werkstatt
war kalt und feucht, im Sommer wie im Winter und im Lackierraum
(eigentlich eher Gerümpelkammer..) war der gemeine Schimmelpilz
Herrscher über die Wände…
Als mein Boss mich wiederholt übers Ohr haute – Stil:
«…wir gehen in die USA, kaufen alte Gitarren, machen
Kohle, für dich alles bezahlt!» und die Wirklichkeit
dann aber so aussah, dass, kaum drüben, er kein Geld mehr hatte
und ich selber schauen musste wie ich zurecht kam, mit 19 –
war klar: ich mache mich selbstständig!
Et voilà: 1979 das Jahr der Geburt von Pagelli Gitarrenbau
in Lichtensteig.
Ich, natürlich frech und verbotenerweise alle alten Kunden
angeschrieben, war sofort mit Arbeit überhäuft. Was natürlich
bald darauf nach zusätzlichen Arbeitskräften schrie…und
alle gut verdienten. Ausser ich, der schauen musste, dass immer
genug Arbeit reinkam. Das war dann auch der Anfang und Schluss von
Pagelli als Arbeitgeber…
Die Werkstatt mit «Pagelli Gitarrenbau» angeschrieben,
obwohl noch nie eine gebaut, war wohl das
Beste um mich selber unter Druck zu setzen. Also alle gemachten
Erfahrungen kombinieren…und fertig war die erste Gitarre.
Mit Stichsäge ausgeschnitten, aus Cristobalholz von der örtlichen
Haarbürstenfabrik. Aber bereits mit 6-Band Equailizer und von
hinten montierten Tonabnehmern! Und im 12. Bund ein goldenes Hanfblatt
als Inlay, was dann zu meinem immerwiederkehrenden Markenzeichen
hätte werden sollen. Habe ich dann genau 1 mal gemacht...zum
Glück!
So nahmen die Dinge ihren Lauf, es sprach sich herum, dass bei mir
wohl einigermassen korrekte Arbeit geleistet wird und mit Geld von
«Investoren» (Kumpels, die etwas mehr hatten als ich)
ging ich dann in die USA. Anfang 80 wars noch möglich gute
Instrumente, vor allem Jazzgitarren, zu bekommen und mit etwas Gewinn
in der Schweiz verkaufen zu können. Nicht die grosse Sause,
aber sicher auch eine gute Gelegenheit vieles über diese alten
Instrumente zu lernen. Viele kaufte ich auch defekt ein um sie dann
in der Werkstatt zu restaurieren. Besserer Preis, zusätzliche
Arbeit – perfekt!
Zur gleichen Zeit, immer auch in jeder freien Minute Musik machend,
spielte ich bei der damals wohl angesagtesten New Wave Band der
Schweiz (STITCH) vor, die mich prompt nahmen. Von da an Doppelbelastung,
Geschäft und Tournee, viele Konzerte, Italien, Frankreich,
Deutschland, Holland, Dänemark….Geil!
Aber sehr schwierig fürs Geschäft. Und im Sunrise Studio
arbeitete ich ja auch noch…
Zuerst nur als Klavierstimmer…dann wars bald mein zweites
Zuhause. Damals sehr angesagt unter der Avantgarde, von Amon Düül
bis zu Fred Frith war alles da…seeehr spanned! Und prägend.
Als dann meine damalige, neue Freundin Ende der Achtziger ein eigenes
Haus, weit weg von Lichtensteig, baute, war die Zeit genau richtig
um einen Neuanfang zu wagen. Ab nach Chur!
Lange hielt die Geschichte zwar nicht, musikalisch auch eine Pause…um
dann mit Claudia und meiner neuen Band «este rito le sugerimos»
(dieses Ritual empfehlen wir ihnen) durchzustarten..!
Mit der Band war dann natürlich auch eine CD ein Thema. Und
nachdem der Besitzer des Studios das wir anfragten ebenfalls eine
neue Richtung in seinem Leben einschlagen wollte, war ich unvermittelt
Geschäftsführer und Tontechniker im eigenen Studio…
Nach einem Jahr dann die grosse Frage: Studio oder Gitarrenbau,
beides ging nicht mehr, beides gerne gemacht. Also ab nach Los Angeles,
der Traum jedes Produzenten und Tontechnikers damals.
Also ein Demo gemacht, alles selber gespielt, aufgenommen und abgemischt,
eine klingende Visitenkarte quasi. Gleich im ersten Studio ein Jobangebot
bekommen. Paramount!
Was nun? Also den grössten Cadillac gekauft, weil am billigsten,
1970 er DeVille in original gelber Farbe und ab nach Mexico den
Kopf leeren und Entscheidung treffen. Und ich entschied mich mich
voll auf Gitarrenbau zu setzen. Einzelstücke, die höchste
Qualität zu der ich fähig bin. Der
American Way of Life war wohl doch nicht mein Ding.
Mit Claudia, meiner jetzigen Frau und seit 20 Jahren zusammen, kam
auch Stil und eine völlig neue Dimension in meine Gitarren.
Sie ist ja zum grossen Teil für unser Erscheinungsbild verantwortlich
…von der Werbung bis zu den Gitarrendesigns.
Wir zogen einige Male um, Wohnung wie Werkstatt. Immer den Abruchobjekten
nach…das war eine zeitlang günstig…aber auch immer
auf Messers Schneide.
Dann das grösste Ereignis…Claudia schwanger! Wir im siebten
Himmel…um im 7. Monat zu erfahren, dass ich Magenkrebs habe.
Spital, alles entrümpeln, Magen, Milz und weissgottwasalles
weg, aber am Tag meiner Entalssung – wenn auch nicht fähig
zu laufen – kam Eliya Maria, unsere Tochter zur Welt! Grosses
Kino. Fast so gross wie der Heiratsantrag, den ich Claudia im Spital
machte und ich ihre Eltern um die Hand der Tochter bat…mit
10 Schläuchen im Körper und unter Morphium! Und das Beste
– ich weiss von nichts mehr.
Danach ein Jahr komplett arbeitsunfähig – wir am Boden.
Keine Arbeitsgeldversicherung (da zu teuer), kein Geld mehr auf
der Seite, zum Sozialfall geworden….um dann ganz langsam alles
wieder mit deren hilfreichen Unterstützung aufzubauen. Und
ebenfalls eine wunderbare Sache: als wir finanziell überhaupt
nicht mehr wussten wie die Werkstatt zu halten, kam am Tag darauf
der Bescheid, dass wir den Bündner Kunsthandwerkerpreis gewonnen
haben…10’000.- Franken! Es gibt schon Sachen…
Dann wieder an Messen, Versuch in die Presse zu kommen, Aufträge
reinholen. Lange wussten wir nicht, wie wir den nächsten Monat
überstehen. Aber es ging stetig aufwärts. Aufträge
folgten, auch von der Industrie. Cort, Burns, Schertler, Eastman.
Gourmet Guitars DVD, Einladung in die grösste Schweizer Fernseh
Talkshow, div. Publikationen, Testberichte, Homestories, Anerkennung
auch im Ausland, volle Auftragsbücher.
Mit dem Umzug nach Scharans – Berge, Ruhe, Muse, Zufriedenheit
– sind wir im Moment wohl Optimal angekommen.
Und
ich denke/hoffe man merkts den Instrumenten an.
30 Jahre Pagelli Gitarrenbau…wir möchten Euch herzlich
für all die Unterstützung danken!
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